Smart: eine Solaranlage, in knapp fünf Jahren amortisiert

Selbst geernteten Solarstrom auch selber verbrauchen – das bringt den grössten ökonomischen Nutzen.

Statt den Strom ins Netz zu leiten, findet Stefan Grünigs Solaranlage immer einen Verbraucher im Haus. Foto: CP

Die Stockwerkeigentümer eines Sechsfamilienhauses im Safnern bei Biel beschlossen anfangs 2017 den Bau einer Solaranlage für rund 45 000 Franken. Gleichzeitig bildeten sie eine Verbrauchergemeinschaft, die anstelle von sechs Stromrechnungen vom Versorger nur noch eine einzige erhält, die sie dann aufgrund der individuellen Messungen den einzelnen Parteien zuteilt.
Diese Lösung ermöglicht es der Gemeinschaft, den Eigenverbrauch zu optimieren und den Fremdbezug auf das Minimum zu beschränken. Es ist nämlich wesentlich ökonomischer, den Strom selber zu verbrauchen als ihn ins Netz zu geben, selbst bei subventioniertem Solarstrom. Fast 50 Prozent des Strompreises (je nach Lokalversorger) entfallen nämlich auf Netzkosten.

Messgeräte und eine intelligente Steuerung mit einem einfachen Rechner sorgen dafür, dass die grossen Bezüger (v.a. die Warmwasserboiler) nacheinander und zwar dann aufgeladen werden, wenn die Solaranlage produziert: anstatt nachts also tagsüber. Die Steuerung setzt die Prioritäten und reagiert sogar auf die Wetterprognosen. Versprechen sie wenig Solarstrom, werden die Boiler notfalls nachts zum Niedertarif aufgeladen.
Der Softwareentwickler Stefan Grünig von der Verbrauchergemeinschaft, der die Anlage programmiert hat, setzte auf einfache, allgemein erhältliche Komponenten. Wer sich nämlich ein Smart Metering von einem grossen Stromversorger einbauen lässt, zahlt 2500 bis 5000 Franken. Das frisst den Gewinn für Jahre auf.

Intelligente Prosumenten (die sowohl Strom produzieren als auch konsumieren) sind auch eine enorme Chance für kleine lokale Stromversorger. Wenn es ihnen gelingt, Produktion und Verbrauch im gemeindeeigenen Netz zu optimieren, können sie die teuren Verbrauchsspitzen brechen und enormen Kosten des nationalen Netzes umgehen. Das haben offenbar auch die grossen Stromkonzerne gemerkt und übernehmen kleine Stromversorger, wo sie nur können.
Wie die Rechnung der Verbrauchergemeinschaft in Safnern ausfällt, lässt sich erst nach einem ganzen Jahreszyklus beurteilen. Stefan Grünig rechnet aber jetzt schon mit einer Amortisationszeit knapp unter fünf Jahren. Die Überschüsse im Sommer waren so hoch, dass die Gemeinschaft Speicherlösungen ins Auge fasst, mit alten Autobatterien zum Beispiel oder mit einer Browngasanlage, die Wasser elektrolytisch in Gas umwandelt, das gespeichert und später zu Heizzwecken verwendet werden kann.
Die smarte Stromproduktion und -nutzung steht erst ganz am Anfang, aber sie hat enormes Potenzial. Es wäre unklug, dieses Geschäft den Grossen zu überlassen. Wir, die Kleinen, sitzen an der Quelle und haben noch alle Möglichkeiten. Vorderhand noch.
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Stefan Grünig steht für weitere Informationen zur Verfügung: team-pro-energy@dcmag.ch

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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