Durch das Land der Schurkenfreunde

Wie fundamentalistisch ist ein islamischer Staat, der auf einer seiner Banknoten das Mausoleum eines homosexuellen Alkoholikers abbildet? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Selber hingehen.

«Schau bloss, dass du heil zurückkommst!» So und ähnlich tönten die Kommentare meiner Bekannten, als ich ihnen von meiner geplanten Reise in den Iran erzählte. Um es vorwegzunehmen: Ich bin nicht heil zurückgekommen, sondern zerrissen von Bewunderung über die Reichtümer der Zivilisation und des Herzens und vom Nachdenklichkeit über das Schicksal eines Volkes, das – von Extremen zerrieben – vom Westen falsch wahrgenommen wird. So viel Kultur und Freundlichkeit – und das in einem «Schurkenstaat» – aber auch eine enorme politische Resignation. Und daran ist der Westen keineswegs unschuldig.

Knapp drei Wochen sind natürlich zu wenig, um einen Vielvölkerstaat mit mehrtausendjähriger Geschichte und einer gespaltenen Gegenwart auch nur annähernd zu erfassen; aber auch genug, um einmal mehr zu erfahren: Man kennt ein Land erst, wenn man es mehrmals bereist hat. Betrachten Sie diesen Bericht also weniger als Bild, das  sich Ihnen beliebt machen will, als vielmehr als Anregung, selber hinzugehen.

Wenn man nach einer solchen Reise nach den Eindrücken gefragt wird, kann man keine stundenlangen Geschichten erzählen. Ich fasse meine Antwort jeweils etwa so zusammen: Der Iran ist ein Land, in dem seit tausend Jahren tote Dichter immer noch verehrt und gelesen werden; ein Reich mit 33 Hauptstädten und das erste Opfer des unseligen Kampfes der Kulturen; ein Land, aus dem nicht nur das Wort Paradies stammt, sondern das auch heute noch mit wunderbaren Gärten in den Bann schlägt; und ein Land, in dem der demokratische Versuch eines Präsidenten (mit Schweizer Pass) vom Westen brutal zerschlagen wurde. Und schliesslich: ein politisch erstarrtes Land, eingeklemmt zwischen Feindbildern, die es selber herstellt und die sich andere von ihm machen, und schliesslich eine menschenfreundliche Bevölkerung, die von all dem bald mehr als genug hat. Doch nun der Reihe nach.

Nach drei Wochen voller Naturschönheiten, Begegnungen mit sehr zugänglichen, aber politisch resignierten Menschen, nach paradiesischen Gärten, pulsierenden Städten und jahrtausendealten Heiligtümern ist dies die Essenz meiner iranischen Erfahrung: In diesem Land haben noch immer die Dichter das Sagen. Das Mausoleum von Hafis in Shiraz ist das beliebteste Reiseziel des Irans, noch vor der alten, von Alexander zerstörten Hauptstadt Persepolis. Tausende besuchen jeden Tag den Garten des 1389 verstorbenen grossen Dichters der Liebe, lauschen seinen Gedichten, berühren seinen Sarkophag und hoffen auf Glück in der Liebe. Oder der hundert Jahre früher lebende Saadi, der Dichter der Weisheit, ein dem verbotenen Alkohol zugeneigter Homosexueller, dessen Mausoleum die 100’000 Rial-Note ziert: Seine Gedichte und Sentenzen leben bis heute. Noch höher zu werten ist vermutlich die Leistung von Ferdosi (940 bis 1020), der angesichts der drohenden Verdrängung des Persischen durch die Sprache der arabischen Invasoren das persische Königsbuch schrieb, das Nationalepos der Zeit vor der Islamisierung, und damit einen entscheidenden Beitrag leistete, Farsi als Volks- und Kultursprache zu erhalten. Auch Ferdosi wird bis heute gelesen und verstanden. Man stelle sich das mal für deutsche, französische oder englische Dichter aus dieser Zeit vor! Fazit: Wenn es ein Land der Dichter und Denker gibt, muss es der Iran sein. Die Bilder der Dichter scheinen die gemeinsame Wirklichkeit zu sein, die das riesige Land zusammenhält – viereinhalbmal so gross wie Deutschland, Dutzende von Volksgruppen, eine komplizierte, mehrtausendjährige Geschichte mit 30 Dynastien und 33 Hauptstädten.

Was auch auffällt: Die grosse Zeit der iranischen Erinnerung ist die Zeit vor der Islamisierung durch die Araber, von denen sich das Land auch heute noch ganz explizit abgrenzt. Dies relativiert auch die Bedeutung der Religion. Man darf nicht vergessen, dass der Schiismus im Iran erst durch Schah Ismael I. (1487 bis 1524) Staatsreligion wurde, der die sunnitische Bevölkerungsmehrheit mit Gewalt zum neuen Glauben brachte, um sich vom sunnitischen Osmanischen Reich abzugrenzen und die von ihm begründete Dynastie der Safawiden aus Aserbaidschan zu festigen. Religion und Politik vermischen sich auch heute zu einem Amalgam, das schwer zu trennen ist. Der Glaube soll dazu beitragen, die politische und wirtschaftliche Besitznahme durch den Westen zu verhindern, dessen Charakter als gottlos dargestellt wird. So falsch ist dies im Übrigen nicht. Aber dass mit der Abwehr des westlichen Materialismus gleichzeitig auch die Freiheit verbannt wird, ist tragisch und zeigt, dass das Konzept eines einheitlichen Glaubens wohl endgültig der Vergangenheit angehört.

Die Religion und ihre Symbole wurden schon von Reza Schah Pahlavi, Staatsoberhaupt 1925 bis 1941 und Begründer der Pahlavi-Dynastie, zu politischen Zwecken eingesetzt. In seinem Bemühen, wie Atatürk in der Türkei auch aus Persien einen modernen Staat nach westlichem Muster zu machen, verbot er den Tschador, was dazu führte, dass viele Frauen aus Scham während Jahren ihr Haus nicht verliessen. Die Männer ihrerseits durften die traditionelle Kopfbedeckung, den Kolah nicht mehr tragen. Reza Schah Pahlavi selber stammte aus ärmlichen Verhältnissen, machte in der Armee Karriere und schwang sich 1925 an die Spitze des Staates, der von der Prunksucht der Qajaren-Dynastie an den Rand des Bankrotts getrieben wurde. Sie waren es, die Fischereirechte im Kaspischen Meer an die Russen und die Erdölausbeutung an die Engländer verkauft hatten und sich dafür u.a. mit Edelsteinen verzierte goldene Betten ins Schlafzimmer stellten – heute zu besichtigen im Nationalen Juwelenmuseum im Keller der iranischen Nationalbank, der grössten Sammlung der Welt.


Familienauto: Das beliebteste Verkehrsmittel des Landes wird ausserhalb Teherans konsequent helmfrei gefahren.


Wer aus dem Westen in den Iran kommt, bringt natürlich eine ganze Reihe von politischen Fragezeichen mit: Stehen die Menschen hinter ihrem Gottesstaat? Nein. Ich habe Dutzende von Menschen gefragt, ob die islamische Republik ihre Bewohner irgendeinmal glücklich machen werde und bekam mit der einzigen Ausnahme eines unverheirateten Ingenieurs in Staatsdiensten nur eine Antwort: Nein!! Einmal hielt sogar ein Motorradfahrer an, der mich als Tourist erkannte und redete aufgeregt auf mich ein. Ich solle es allen in der Welt draussen sagen: Dies sei der hinterletzte Staat, der seine Bewohner nichts als unterdrücke, übersetzte mein Begleiter Hesam. Dann gab es aber doch noch ein Foto mit einem breiten Lächeln. Und ein Unternehmer, der die Revolution gegen den Schah noch unterstützte, sagte mir «Das haben wir nicht gewollt!» In der Tat: Ayatollah Khomeini, der übrigens nur mit Unterstützung des Westens an die Macht kam,  benutzte den Krieg gegen den Irak kurz nach der Revolution dazu, immer mehr einschränkende Gesetze zu erlassen und neue Polizeieinheiten unter seiner Kontrolle einzuführen.

Auf der anderen Seite waren sich alle einig: Die Sanktionen gegen den Iran seien ungerecht und träfen vor allem die Bevölkerung. Tatsächlich ist im Iran alles zu haben, was der Westen zu bieten hat, nur einfach viel teurer. Die Handelswege voller Umwege über raffgierige Hände haben ihren Preis. Um die Not erträglich zu machen, subventioniert die Regierung den Benzinpreis. 2006 bezahlte man 0,1 Dollar pro Liter, heute liegt er achtmal höher. Die Krux: Der Iran muss das Benzin mangels eigener Raffineriekapazitäten auf dem Weltmarkt einkaufen. Zudem kommt er durch den fallenden Ölpreis in ernste finanzielle Schwierigkeiten.


Als Schweizer steht man im Iran nicht schlecht da. Nicht wenige erinnern sich noch an Mohammed Mossadegh, der 1951 bis 1953 als Premierminister die Ölförderung verstaatlichte und dann mit der CIA-Operation Ajax abgesetzt und durch Schah Mohammed Reza Pahlevi ersetzt wurde. Mossadegh, selber mit der vor den Pahlevis regierenden Dynastie der Qajaren verwandt, studierte in Neuchatel, erwarb die schweizerische Staatsbürgerschaft und praktizierte als Anwalt in der Schweiz, bevor er in den 20er Jahren verschiedene Ministerposten bekleidete.
Eine Reform der gegenwärtigen Strukturen scheint unmöglich. Sie geben dem geistlichen Führer als Staatsoberhaupt über verschachtelte Institutionen nicht nur die Kontrolle über Streitkräfte, Polizei und Medien, sondern sogar die Wahl der Abgeordneten. Zudem kontrolliert die Geistlichkeit über verschiedene Stiftungen rund 40 Prozent der Inlandproduktion. Da scheint nun wirklich gar nichts möglich. Der Westen ist des Teufels und der einzige Schutz ist der Klerus.

Ganz und gar unverständlich ist diese Haltung allerdings nicht. Zu diesem Eindruck kommt man jedenfalls nach einem Besuch der ehemaligen amerikanischen Botschaft in Teheran. Das grosse Gelände ist heute eine Schule der Revolutionswächter. Der erste Stock des Hauptgebäudes, der ehemalige Sitz der verschiedenen Geheimdienstabteilungen, kann auf Anmeldung besichtigt werden. Zu sehen ist die mit Vitrinen ergänzte Originaleinrichtung der ehemals wichtigsten Geheimdienstbasis der USA in Asien, samt Fälscherwerkstatt und abhörsicherem Glasraum. In akribischer Arbeit haben Hunderte von Studenten die vor dem Fall der Botschaft eilends geschredderten Dokumente wieder zusammengefügt und in mehreren Büchern veröffentlicht. Sie zeigen: Für die Amerikaner war der Iran kein souveräner Staat. Aber, wie gesagt: Mit der Politik haben die meisten Iraner gebrochen. Sie haben andere Quellen.


Der Dichter ruft, die Menschen kommen: Das Mausoleum des Dichters Hafez ist das beliebteste Reiseziel der Iraner.


Neben seinen Dichtern sind die Gärten eine der grossen Errungenschaften des Irans. Die Bewässerung der zentralen Hochebene mit zahlreichen Wüsten spielt dabei eine herausragende Rolle. Zehntausende von unterirdischen Kanälen – 16’000 sind noch in Betrieb – führen das Wasser von den Bergen in die besiedelten Gebiete. In fast jedem Dorf hat es einen kleinen Park, und in den grösseren Städten sind die Gärten nicht nur die grünen Lungen; sie werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern rege besucht. Die schönste Stadt in dieser Hinsicht ist die Zweimillionen-Metropole Isfahan im zentralen Hochland, die unter den Safawiden (1501 bis 1722) als Hauptstadt mit Palästen, Moscheen und Gärten prächtig ausgebaut wurde. Der zentrale Imam-Platz gilt zu Recht als einer der weltweit schönsten Plätze. Isfahan sei die halbe Welt, sagt ein persisches Spruchwort (Esfahan nesf-e dschahan). Das ist natürlich übertrieben. Aber man fragt sich schon, wie in einer derart kargen Landschaft ein so immenser Reichtum und ein so grosses Wissen entstehen konnte und warum die islamische Welt in den letzten paar hundert Jahren den kulturellen Vorsprung gegenüber dem Westen verlieren konnte und heute im unsäglichen Kampf der Kulturen um ihr Überleben kämpft.

Eine Perle, wenn auch im kleineren Masstab ist die Wüstenstadt Yazd mit rund 400’000 Einwohnern, einer gut erhaltenen, verwinkelten Altstadt mit Lehmbauten und den vielen Windtürmen, den natürlichen Klimaanlagen des Iran. In Yazd leben rund 4500 Zoroastrier, Anhänger des vor der Islamisierung vorherrschenden Zoroastrismus. Ihre Lehre, begründet von Zarathustra, geht von einem Schöpfergott Ahura Mazda aus, heiligt die Reinheit von Erde, Luft und Wasser und verehrt das Feuer. Im Zoroastrismus werden die Toten deshalb weder begraben noch verbrannt, sondern in sogenannten Schweigetürmen den Geiern zum Frass überlassen. Die Gebeine werden anschliessend in Grabstätten kollektiv eingemauert. Am Stadtrand von Yazd und in der Umgebung sind noch eindrückliche Schweigetürme zu besichtigen, die bis in die 60er Jahre, als die Praxis verboten wurde, in Gebrauch waren.

Neben dem Wasser als besonders gepflegte Ressource spielt im Iran natürlich das Erdöl eine besondere Rolle. Auf ganz besondere Weise sichtbar wird dies in Khusistan, der Provinz am Tigris an der Grenze zum Irak. In der Nähe von Haftkel treten auf einer Fläche von 30 mal 70 Meter an der Flanke eines Hügels brennende Gase aus – vor allem in der Nacht ein eindrückliches, praktisch unbekanntes Naturschauspiel. Nicht einmal eine Hinweistafel steht an der daran vorbeiführenden Nebenstrasse. Unweit davon führt ein Flüsschen grössere Mengen von Erdöl und Asphaltklumpen. Das stinkige Wasser, gewissermassen natürlich verschmutzt, hindert allerdings die Frösche nicht daran, sich darin zu vermehren. Auf dem Hügel darüber thront die Ruine eines englischen Wachtpostens, von dem aus der Beginn der iranischen Erdölförderung kontrolliert wurde. Auch darauf findet sich kein Hinweis in einem Fremdenführer.

Gesehen habe ich diese und viele andere Besonderheiten nur dank der Teilnahme an der ersten Reise des Freundeskreises Schweiz-Iran, gegründet vom Luzerner Anwalt Vital Burger. Der Verein bietet nach den ersten Erfahrungen von 2014 in diesem Jahr zwischen April und Oktober acht Reisen an. Er verfügt im Iran über einen leidlich bequemen Kleinbus mit kompletter Camping-Ausrüstung. Man kann den Iran natürlich auch auf eigene Faust im Mietwagen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln (günstig, aber nicht gut ausgebaut) entdecken. Ein Muss in dieser Hinsicht ist die siebenstündige Fahrt durch die Schlucht des Dez von Dorud nach Andimeshk, eine der absolut schönsten Bahnstrecken. Das Land ist sicher, aber die Distanzen sind enorm und die Geldautomaten für westliche Karten unbrauchbar. Man muss also genügend Bargeld mit sich führen und es in den Banken oder auf dem Schwarzmarkt (wesentlich günstiger) in die lokale Währung tauschen. Eine gute Vorbereitung durch Lektüre ist essenziell, sonst kann man die vielen Baudenkmäler aus fünf Jahrtausenden nicht verstehen, sondern nur bestaunen. Wobei: Das Staunen allein ist schon ein unschätzbares Mitbringsel aus diesem faszinierenden Land. Und vielleicht der Anfang einer Versöhnung.

Infos über Reisen des Freundeskreises Schweiz-Iran:
www.schweiz-iran.ch
02. Mai 2015
von:

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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